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Dialoginitiative: Ethik in der Nutztierhaltung (Forschungs- und Beratungsprojekt, 2004 - 2006)

Nutztiere sind empfindsame Lebewesen. Die korrespondierende Verantwortung des Tierhalters liegt darin, auf ihre Leidensfähigkeit Rücksicht zu nehmen. Deshalb müssen Belastungen der Tiere immer gerechtfertigt werden. Je intensiver die Belastungen ausfallen, desto gewichtiger müssen die rechtfertigenden Gründe sein.

Das Bewertungsmodell

Neben moralischen Pflichten prägt aber auch die Ökonomie den Gestaltungsspielraum des Landwirtes. Auch dieser Aspekt muss bei der Gestaltung praxisrelevanter Entscheidungsfindung berücksichtigt werden. Aufbauend auf diesen grundsätzlichen Erwägungen analysiert das am Institut TTN erarbeitete Modell die Nutztierhaltung bezogen auf den konkreten Einzelfall innerhalb realistischer Grenzen.

Die Ziel

- Strukturierung des gesellschaftlichen Dialogs zur Nutztierhaltung
- Berücksichtigung fachwissenschaftlicher Expertise neben Intuitionen und Emotionen
- Begegnung zwischen Landwirten, Verbrauchern und Tierschützern auf Augenhöhe
- Dialoginitiative: besseres Verstehen der Tierhaltung und mehr Verständnis für einander

Ethische Verantwortung in der Praxis

Die ethische Verantwortung und Mitverantwortung relevanter Akteure im Spannungsfeld „Tierschutz in der Nutztierhaltung“ hat viele Facetten. Eines scheint trotz der Komplexität allerdings klar: Solange wir Tierschutz in der Nutztierhaltung als Konflikt zwischen abstrakten ethischen Ansprüchen auf der einen und Landwirten, die sich weigern, Tierschutzforderungen zu erfüllen, auf der anderen Seite begreifen, wird sich an der Situation der Tiere in den Ställen nicht viel ändern.

Deshalb ist es wesentlich, Tierschutz in der Landwirtschaft als gemeinsames Anliegen um der Tiere willen zu verstehen und die Verantwortlichkeiten sinnvoll zu verteilen. Die zwei Voraussetzungen für dieses Argument sind einfach wie schlicht: Erstens geht die moralisch begründete Forderung nach Tierschutz in der Landwirtschaft alle etwas an, die durch ihr Mitwirken etwas verändern können. Zweites kann nur soviel von den Beteiligten (Landwirten, Bürgern, Veterinärmedizinern, etc.) gefordert werden, wie ihnen zumutbar ist (Sollen setzt ein Können voraus).

Da jede Veränderung im Sinne des Tierschutzes letztlich von den Nutztierhaltern abhängt, steht zuerst deren Verantwortungsbereich zur Diskussion. In der Auseinandersetzung wird deutlich, dass ihre Gestaltungsmöglichkeiten im Sinne des Tierschutzes durch Rahmenbedingungen begrenzt sind, deren Veränderung nicht oder nur teilweise in ihrer Macht liegt. Sie handeln immer unter bestehenden Rahmenbedingungen, die ihren Handlungsspielraum limitieren und bestimmen.

Dies enthebt Nutztierhalter jedoch nicht der Verantwortung, unter den gegebenen Bedingungen für Tierschutz Sorge zu tragen. Im Gegenteil, eben in ihrem Gestaltungsspielraum müssen sie zeigen, dass sie ihrer moralischen Verantwortung gerecht werden. In einem zweiten Schritt wird die Verantwortung anderer relevanter Akteure zum Thema gemacht (z.B.: Wissenschaftler/Forscher, Veterinärmediziner, Interessensvertreter, Agra-Marketing, Bürger). Sie können indirekt dazu beitragen, Nutztierhalter in die Lage zu versetzen, Tiergerechtheit in der Praxis zu realisieren. Einerseits kann dies durch die Bereitstellung von Handlungsoptionen innerhalb der Rahmenbedingungen geschehen, andererseits durch ihr Hinwirken auf die Änderung der Rahmenbedingungen.

Sobald die Mitverantwortlichen dem Nutztierhalter neue Möglichkeiten eröffnen, trägt dieser eine doppelte Verantwortung: Einerseits bleibt er seinen Tieren gegenüber moralisch verpflichtet, andererseits ist er nun aber auch jenen verpflichtet, die ihm die Möglichkeiten und damit den Auftrag geben haben, mehr im Sinne der Tiergerechtheit zu tun. Eine solche doppelte Verantwortung lässt sich aber auch für die anderen relevanten Akteure aufweisen. Sie tragen neben ihrer indirekten Verantwortung gegenüber dem Tier auch eine Verantwortung gegenüber dem Landwirt. Diese besteht darin, sich für Rahmenbedingungen einzusetzen, die dazu führen, dass Nutztierhalter nicht unmoralisch handeln müssen und ihrer Verantwortung für Tierschutz gerecht werden können.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es nicht reichen wird, die Verantwortung für Tierschutz in der Nutztierhaltung allein bei den Nutztierhaltern zu suchen, noch sich auf ökonomische und andere Sachzwänge zu berufen. Ebenso wird es nicht genügen, einfach Forderungen an die nutztierhaltenden Produzenten heran zu tragen, noch werbewirksam zu kommunizieren, dass mit der Tierhaltung alles in Ordnung ist.

Das Thema „Ethik in der Nutztierhaltung“ ist zu komplex, als dass es sich auf so einfache Kategorien reduzieren ließe. Denn Vorstellungen, Bilder, moralische Ansprüche, veterinärmedizinisches Wissen, verfahrene Positionen etc. vermischen sich, treten in Widerspruch zueinander und machen das Thema zu dem was es ist, ein unübersichtliches Problemfeld von ethischer Brisanz. Wenn es jedoch tatsächlich um das Wohl der Tiere gehen soll, dann wäre es angebracht, die Landwirte in ihrer Verantwortung gegenüber den Tieren zu unterstützen.

Denn bis moralisches Handeln finanziell belohnt und unmoralisches finanziell bestraft wird, wird noch einige Zeit vergehen. Bis dahin liegt es in der Verantwortung aller Beteiligten, Tierschutz in der Landwirtschaft als gemeinsame Anstrengung zu verstehen. Nur so hat man guten Grund anzunehmen, dass tatsächlich Fortschritte zum Wohl der Tiere erzielt werden.