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Genome Editing – oder: Müssen wir über Gentechnik in der Landwirtschaft neu nachdenken?

Genome Editing – oder: Müssen wir über Gentechnik in der Landwirtschaft neu nachdenken?

GG69-kalluszellen für webSeit 30 Jahren wird die Zulassung genetisch veränderter Organismen (GVO) in der Landwirtschaft davon abhängig gemacht, ob die erstrebte Veränderung des Erbgutes zufällig durch ionisierende Strahlung bzw. Chemikalien (Mutagenese) oder aber durch die Anwendung gentechnischer Methoden erfolgt. Letztere haben nach der EU-Freisetzungsrichtlinie 2001/18/EG ein verschärftes Risikobewertungsverfahren und eine Pflichtkennzeichnung zur Folge. Beides hat in den meisten Ländern Europas dazu geführt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen nicht angebaut werden.

Seit Ende 1990er Jahre befasst sich das Institut TTN mit den biologischen, ökonomischen und ethischen Fragen des Einsatzes der sogenannten grünen Gentechnik in der Landwirtschaft. In den letzten Jahren standen dabei vor allem Aspekte der Wissenschaftsfreiheit und der Patentierung von GVOs im Vordergrund. Die in jüngster Zeit entwickelten neuen Pflanzenzüchtungstechniken – prominent: Crispr/Cas – könnten die Diskussion um den Einsatz moderner Biotechnologie revolutionieren. Ihr Einsatz ist ungleich präziser als die alte, transgene Gentechnik und ihre Produkte sind oftmals von natürlich hergestellten Pflanzen nicht zu unterscheiden. Trotzdem hat der Europäische Gerichtshof am 25. Juli 2018 in einem überraschenden Urteil festgestellt, dass sich der Einsatz von Genome Editing als vergleichbar mit den bei der Erzeugung und Verbreitung von transgenen GVO auftretenden Risiken erweisen könnte. Nach wie vor verfolgt die Rechtsprechung bei der Risikobewertung einen so genannten „technology-based approach“ und lässt die Eigenschaften des durch Genome Editing hergestellten Produkts bei Fragen der Zulassung und des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen außen vor. Die Umsetzung wichtiger Züchtungsziele steht dabei auf dem Spiel: Z.B. die Sicherung von Ertragsfortschritt und Ertragsstabilität, Trockentoleranz, erhöhter Energie- und Nährstoffgehalt sowie Schädlingsresistenz.

Warum befasst sich das Institut TTN mit all diesen Fragen? In einer biobasierten Wirtschaft ist der Umgang mit Pflanzen und landwirtschaftlichen Nutzflächen eine zentrale Herausforderung für die Technologie- und Umweltpolitik. Zugleich fungiert die kulturelle und die natürliche Vielfalt als elementare moralische Referenz für die Wahrnehmung einer Welt, die als schätzenswert und bejahenswert erlebt und bewahrt werden soll. Wie verhalten sich Bioökonomie und Weltbejahung zueinander? Sind Natur und moderne Biotechnologie Gegner oder Verbündete einer sozialethisch ausgerichteten "Verantwortung für die Schöpfung"? Vor dem Hintergrund dieser Fragen konzentriert sich die Begleitforschung am Institut TTN auf die Frage, wie ein verantwortungsethischer Umgang mit neuen Technologien in der Bioökonomie gestaltet werden kann. Die Ergebnisse dieser Arbeit, die meist im Rahmen von Drittmittelprojekten stattfinden, werden in Form von Fachpublikationen sowie auf der Homepage Pflanzen-Forschung-Ethik publiziert, die das Institut TTN seit 2013 insbesondere für die Lehre in der gymnasialen Oberstufe und an Universitäten betreibt.

Laufende Forschungsprojekte:

ELSA-Verbundprojekt „Ethische, rechtliche und sozioökonomische Aspekte von Genome Editing in der Landwirtschaft“ (2016-2019, BMBF-gefördert) . Informationen zum TTN-Teilprojekt „Wahlfreiheit und Kennzeichnung von genome Editing“ finden Sie hier

Summerschool International Summer School - BEYOND THE PRECAUTIONARY PRINCIPLE? Ethical, legal and societal aspects of genome editing in agriculture

Abgeschlossene Forschungsprojekte:

BMBF-Klausurwoche "Biopatente: Saatgut als Ware und als öffentliches Gut" (2013-2015)

Webportal: Pflanzen. Forschung. Ethik (2011-2012)

BMBF Klausurwoche zur Grünen Gentechnik: Zwischen Forschungsfreiheit und Anwendungsrisiko (2010-2011)

Landwirtschaft zwischen Idyll und Dystopie: Grüne Gentechnik als Projektionsfläche von Naturbildern (CAS-Forschergruppe, 2010-2012)